Nur der Tod sagt: "Das war es fur diesen." Wie es fur ihn war, wissen wir nicht. Wir haben nur, was er uns hinterlassen hat, was davon noch ubrig ist, Berichte und uns selbst, unsere eigenen Gefuhle und Erfahrungen.
Der polnisch?judische Dichter und Zeichner Bruno Schulz wurde am 12. Juli 1892 in Drohobycz geboren und am 19. November 1942 da auf offener Strasse erschossen. Am Tag seiner Erschiessung war ich gut zwei Jahre alt. Ich bin am 31. Juli 194O in Berlin geboren.
Als ich Schulz vor ungefahr zehn Jahren zum ersten Mal las, wusste ich auf der zweiten Seite schon, dass ich das zeichnen musste. Was ich las, blieb nicht eben in meinem Kopf hangen, um irgendwann sang- und klanglos verdampft zu sein. Ich spurte die Bewegungen der Menschen Leiber, sah, wie sie mit goldenen Sonnenmasken durch die Gluthitze wateten. Ich war verloren.
Sieben Jahre dauerte die Inkubation, dann fing es an, aus mir herauszubrechen.
Zwischen Weihnachten und Silvester 1977 setzte ich mich an meinen Tisch. Als ich im Marz 1978 wieder aufstand, lagen mehr als 250 Zeichnungen vor mir. Blosse Menschen, Arme, Beine, Gesichter; ein allererstes Abtasten, Umreissen. Ich wusste, dass ich, wollte ich wirklich begreifen, was vorliegt, alles austiefen musste. Und dass ich dazu der Radierung bedurfte: der geatzten Platte und ihres Abdrucks. Ich fing wieder an.
Das erste Buch 'die Zimtladen' habe ich hinter mir. 14O Platten und deren Abdrucke liegen vor. Ich will damit nicht sagen, dass ich die Form schlechthin gefunden habe. Es ist meine Form, und die der Spanne ihres Entstehens. Im jeweils nachsten Augenblick hat sich die Erfahrungswelt, aus der ich schopfe, schon verandert, entsteht ein anderes Zeichen.
"Schulz war klein und hasslich", sagte sie, "sein Rucken war, ja... auf alle Falle verwachsen. Er hatte Angst vor der alles verschlingenden Weiblichkeit. Er ging nie weiter als bis zum Schuh. Er war ein Selbstmordkandidat." Ich traf sie in Warschau. Sie kannte Schulz noch personlich. Damals in Lemberg. Zwolf war sie. "Er war ein Sonderling", sagte sie, "ein merkwurdiger Onkel."
Schulz kehrte zuruck nach Drohobycz, wollte seine Kindheit zuruckfinden. Er schrieb: "Mein Ideal ist, zur Kindheit heranzureifen. Das ware die wahre Reife."
Ich schreibe uber meine Vorfahren, die Schauspieler: "Sie waren auf der Suche nach dem Ursprung der Bewegungen. Das denke ich. Immer wieder zogen sie los. Auch ich bin wieder losgezogen... Unser Ursprung ward verwustet, vor langer Zeit, nur zwei konnten sich retten, zwei, die nicht mehr fragen konnten: 'Wie? Sag uns, wie!' Wir ziehen von Stadt zu Stadt, uben nach Vorbildern. Wir konnen die Bewegungen nicht fuhlen... Gern wussten wir, wie sie entstehen."
Ich fing an, Schulz' und meine Bewegungen zuruckzuverfolgen. Ich kann jetzt Bewegungen fuhlen, kann fuhlen, wie sie abbrockeln, sterben. Ob ich ihren Ursprung fuhlen kann? Ich komme in schmerzhafte Gebiete.
Bruno Schulz nimmt uns mit, zuruck in seine Kindheit, mit in jenes Gebiet zwischen Wahrheit und Dichtung, in dem irgendwo seine Grenzen liegen.
In meinem Grenzgebiet trage ich keine Hulle mehr, gebe mich bloss, bin sehr verwundbar, ziehe den Spott, die Wut der Leute auf mich. Ich bin nicht immer da, muss mich jedesmal wieder dahinbegeben. Ziehe mich zuruck. Und bei jedem Schritt zuruck, streife ich eine Hulle, einen winzigen Teil davon ab, bis ich nackt dastehe, nicht mehr verbergen kann, wie meine Gefuhle mich verandern. Meine Unzulanglichkeiten, da stehen sie.
Ich glaube nicht, dass Schulz seine Zelltur auftraumen wollte - so wie wir Traumen verstehen. Er hatte Wunsche, wollte ausbrechen. In jeder Situation trieben ihn seine Gefuhle, seine Angste bis in sein Grenzgebiet. Und immer wieder musste er durch seine barocken Sprachlandschaften hindurch. Stand am Rande, seinem Rande, konnte nicht springen, fuhr zuruck. Der Schuh! Konnte nicht; vielleicht erschopft von der langen Wanderung durch seine kunstvoll zwischen sich und dem Schuh vor sich ausgehauchten, versponnenen, aufgebauschten, erdruckenden, einschlafernden, schon nach ihm greifenden Landschaften? Konnte nicht ? mehr ? kampfen? Und uber dem Schuh, die Statte.
Ich frage mich, was geschieht, wenn ich einfach weitertanze? Durch die Wand hindurch? Vielleicht ist die Wand gar nicht so dick, kann ich wie der Lowe im Zirkus durch das Papier springen, ganz muhelos. Vielleicht ist die Wand gar nicht da, eben nur in meiner Vorstellung, kann ich doch fliegen! Warum zieht sie dann im Hohepunkt meines Flugs vor mir auf? Steht da? Eine schwarze Wand, eine unsichtbare Mauer, eine Platte auf meinem Leib! Da liege ich, erwachend aus Ohnmacht.
War ich uberhaupt weg? Vor mir liegen Bilder, Gesichter, Leiber, Textfetzen, starren mich an. Da muss etwas gewesen sein. Falten und Narben habe ich.
Der Vater steigt, vertrieben aus seinem Vogelparadies, die Treppe hinab. Er hangt nur noch an einem dunnen Faden. Unter seinen Fussen brockeln die Stufen ab. So steht es auf meiner Platte. Meine Kinder sagen, dass der, an dessen Faden die Figur hangt, die Gesichtszuge meines Vaters tragt. Wenn da gar keine Treppe mehr ist, kein fester Grund? Wie lange wird der Faden ? der Vertreibung ? noch halten? Bin ich dann richtungslos? Schwebe? Falle? Und dann?
Ich lasse Schulz' Worte ohne Vorurteile in mich ein. Manches erreicht mich nicht, nicht sehr tief, und es gibt Stellen, wo die Handlung an sich so uberherrscht, dass fur mich keine Bilder entstehen, nur ein Gefuhl fur die Lage der Menschen in dem Geschehen.
Der Josephstraum, Homunkulus: nichts erklingt in mir. Bilder aus einer fremden Welt. Mit Muhe umreisse ich sie, fange sie ein. Mehr bringe ich da nicht zustande. Weiss nichts damit anzufangen. Traume ohne Wurzel in mir, Luftschlosser, zu denen ich keine Verbindung, keinen Zugang habe, die nicht aus mir, aus meiner Hitze entstehen, sind. Ich muss es dabei belassen.
Ich glaube, dass der Mensch seine Grenzen verlegen kann, fur den anderen, fur sich. Schon beim allerersten Blick spure ich die Grenzen zwischen dem anderen und mir, spure, wo unsere Panzer aufeinander prallen. Und doch: ich muss den anderen ohne Vorurteile in mir zulassen; erst an der Grenze stellt sich heraus, ob wir sie fureinander offnen, durchbrechen, verlegen konnen. Wir mussen sie durchbrechen. Ein jeder muss seine eigenen Grenzen durchbrechen - nicht uberschreiten. Beim Uberschreiten lasse ich den Durchbruch aus, befinde mich nur scheinbar, gewissermassen unrechtmassig, im Jenseits, mit meinen Panzern, meinen Vorurteilen, meinen Waffen, sehe den anderen nicht, mich nicht. Nur Panzer und Luft. Schulz blieb nie in seinen Traumen hangen.
Leben, lieben muss ich mit meinen und der anderen Grenzen. Ich muss mich fur den anderen offnen, ihn ohne Vorurteile in mich einlassen. Immer mehr lege ich bloss. Welchen Ballast schmeisse ich weg? Und der andere? Bleibt er angezogen, wahrend ich mich ausziehe? Erkennen wir uns noch? Konnen wir noch etwas miteinander anfangen? Werden wir einander fremd? Verstossen uns?
Nackte Konfrontation, nichts kann ich verbergen, nie bin ich so verwundbar. Totet er mich? Oder ich ihn? Durchbrechen wir unsere Grenzen fur einander? Oder schaffen wir es nicht? Haben Angst, dass die Schlammflut uns uberspult? Angst vor dem Neuen, das wir dann formen mussen? Lasse ich mein geschmeidig gewordenes Ich im letzten Augenblick erstarren und biete dem anderen und mir doch nur meine Hulle an? Komme unbeschadigt wieder heraus, ohne Schuld, aber auch ohne Anteil am Neuen?
Wir steigen hinab in unsere roten Hollen, bis an die Grenze zwischen Wahnsinn und Tod. Erst da begreifen wir wirklich. Verstehen.
Zeichnen, Schreiben kann bei diesem Prozess helfen. Ich betaste, begreife, kann ergreifen und wegschmeissen. Blosslegen. Ich betaste aufs neue, begreife, ergreife, schmeisse weg, oder... decke wieder zu.
Das ist sehr ermudend. Verschnaufen muss ich zwischendurch. Ab und zu will ich nur ein wenig Warme, einfach so.
Wenn ich zeichne, lasse ich den Menschen oft nicht einmal ihre Haare. In ihrer Nacktheit taste ich sie ab.
Meine Arbeiten sagen uber mich aus, uber meine Konfrontation mit dem anderen, uber meine Konfrontation mit mir. Sie zeigen, wie tief ich den anderen in mir zulasse, wie tief der andere mich, sich, zulasst, wie tief ich mich in mir zulasse. Verwirrt nehme ich wahr: verklebte Augen, uberwucherte Menschen, Panzer, Buckel, verkummerte Hande, Riesenkrafte, das brennende Verlangen, zuzustossen, abgebissene Zungen, verstummelte Penisse, Vernichtung, Tod.(*)
Ich entblosse Schulz und mich. Er kann mir nichts erwidern, ich weiss. Ich tote ihn nicht. Nicht noch einmal. Ich durchstreife sein Land. Finde Bruchstucke, Zeichen, Statten, Umfelder seines Lebens. Uberwuchert, verwittert, verwustet, unzuganglich, unerreichbar wie sie oftmals sind, dringen sie durch meine Augen, meine Ohren, meine Finger. Ich rieche sie. Tief graben sie sich mir ein, klingen, klagen. Tief graben meine Finger sie in das Zink, zerfurchen die glatte Platte. Ich atze und brenne Locher in die Platte, kratze Eingeatztes weg, lege angeschlagene Menschen, Menschenfetzen, abbrockelnde Kulissen frei. Wessen?
Als ich A gestern meine Hand reichen wollte ? Sie werden es nicht glauben ?, unterwegs fuhlte ich, dass etwas mit meiner Hand nicht stimmte. Sie war weiss, die Finger hingen plump nach unten, nur noch an einem schmalen Streifen. Am Puls riss sie sich los. Und der Handteller war nicht da, nur der Rucken. Papier! Schlampige Arbeit! durchfuhr es mich, wenn A jetzt meine Hand nimmt, reisst er sie ab. Zuruckziehen konnte ich sie nicht mehr. Schon die geringste Bewegung... Ich blieb stehen. Hielt mich zusammen. Erstarrte lachelnd. Vor mir die weisse Papierhand.(*)
Ich glaube, dass aus der Gruppe der Menschen aus diesem minderwertigen, schon verschlissenen, fadenscheinigen Material, das alles durchlasst, Kunstler wie Schulz und Kafka und Ossip Mandelstamm hervorkommen. Sie wissen, wie verletzbar sie sind, treiben Geschehnisse ? in ihren Gedanken, in ihrem Leib ? voran, fuhlen sie voraus, entreissen ihnen trugerische Hullen, treiben sie soweit, bis sie auseinanderfallen, zerbrockeln, sterben. Warnungen sprechen sie aus. Fur sich selbst. Unter allen Kleidern, allem Putz sehen sie die Risse. Deutlich liegen die Bruchstellen vor ihnen. Wieviel riss Schulz tatsachlich herunter? In wieviele Lagen versponn er sich, sehend, was darunterliegt, immer wieder aufs neue, sich so in sie verankernd? Aus Angst zu zerfallen? Ohne Verbindung zu sein? Richtungslos? Unfahig? Meine Antwort ware Vermutung.
Zeichnen, Abtasten, Sehen. Ich wollte mich diesem Sehen entziehen, zeichnen, was ich wusste, so wissen musste. Schones, Behagendes wollte, sollte ich zeigen. Der Bleistift in meiner Hand tat nicht, was ich ihm aus meinem Wissen heraus ? dem Wissen, das andere mir vorhielten ? auftrug.
Sich in die Lagen hineinspinnend, versetzte Schulz sich in sie, fuhlte sie, sich, sah, schrieb auf, sah...
Ich gehe in ihnen auf, unter, fuhle sie, mich. Sie verschieben sich. Was ist unten, was oben? Ich verliere den Faden, die Richtung, verlaufe mich, stehe still, vergessen. Nehme den Faden auf, seine Richtung. Es uberlagert sich, uberlagert mich, erdruckt mich. Ich muss raus da, mich von, aus ihnen losen, erlosen, den verschoben?verschrobenen.
Vielleicht war es so: da liegt das Gewebe.
Schulz' Sprache an sich ist mir fremd. Ich vermute, dass das Leben fur ihn so unertraglich war, dass er es, sich in seine Worte, seine Melodie, seinen Rhythmus einspinnend, nicht vergass, aber leichter ertragen konnte. Auf sich zuruckgezogen, ergab er sich seinem Gesang. Er sang seine Geschichte, seine Schreie.
Ich gehe durch heisse Strassen, durch wehig wuchernde, schwule Landschaften hindurch, Landschaften, durchtrankt von ihren eigenen monotonen Sterbegesangen. Ich atme lehmige Faulnis, Verwesung, Entbindung, fuhle bitteren, klebrigen Schweiss. Ein schier endloser Weg. Ich finde dahinter den nackten Tanz des minderwertigen Materials an seinem aussersten Rande. Meinen Tanz. Ich ahnte ihn schon beim ersten Lesen. Jetzt kann ich ihm Form geben, ihn sehen, begreifen.
Ich zeichnte Schulz nach Selbstportraits. Sein Gesicht drohte unter meinen Handen zu zerfallen. Ich umriss es, tastete seine Zuge ab, drang in sie ein. Das Gesicht fiel auseinander. Es schmerzte. Ich konnte nicht tiefer, nicht weiter, wusste nicht wie, lief weg, kam zuruck, setzte mich hin, tastete weiter ab, fand bis dann nicht gesehene, bis dann mir verborgene, mir nichts sagende Spuren, folgte ihnen, offnete sie, drang ein. Da steht Gesicht gegen Gesicht. Die Augen brennen schmerzhaft, ohne Murren ertragend. Er schaut mich an. Schwer liegen die Lider uber den Augapfeln. Den Hals fand ich nicht. Ein paar Striche, mehr nicht. Ich konnte ihn nicht fassen.
"Sein Hals war sehr dunn." Der Mann, der das sagte, fuhrte seine Hand an den eigenen dunnen Hals, direkt unterm Kinn, bog den Kopf dabei zuruck. Es schien diesen Mann zu wurgen. Seine Augen quollen hervor.
Warum schaute Schulz nach oben, wenn das doch so schmerzt? Jetzt weiss ich es. Bei Sebstportraits schaut man sich in die Augen. Das kostet Uberwindung. Und Abtasten dauert und ich weiss nicht, was mich schliesslich vom Papier her anschauen wird.
Sein Hals war sehr dunn. Er war klein und hasslich. Sein Rucken war... Ich konnte mir Schulz noch nicht vorstellen. Jetzt habe ich eine fuhlbare Vorstellung von ihm. Ich habe Fotos von ihm, sehe, wie er in seiner Umgebung sass, sich bewegte - den Kopf auf der Brust.
Spaziergang mit Bruno
"Ich laufe mit meinem dunnen Hals, meinem klumpigen Rumpf. Arme, Beine sind irgendwie an diesem Klumpen befestigt. Ich bewege diesen Koloss durch die kahle Landschaft. Der Wind hat leichtes Spiel mit mir. Er fegt durch die Strassen, wirbelt den Staub auf, prallt auf meinen Rumpf. Weg sind die Beine. Da liege ich." Ich gehe neben ihm her auf der staubigen, leeren Strasse, entlang den abblatternden Mauern. Es ist hell, heiss. Er bleibt stehen. "Sehen Sie sich meinen Hals an." Ich sehe nichts. Er greift sich an seinen grossen Kopf. Nein, die Hande fassen nicht richtig zu. Patschig liegen sie an den Ohren. Er lasst die Arme sinken. "Tun Sie es", sagt er.
Ich nehme seinen Kopf zwischen meine Hande. Hebe den Kopf vom Rumpf ab. Aus dem Kragen heraus. Kein Laut ist zwischen uns, kein Laut um uns herum. Er schaut mir in die Augen. Brennende Augen. Fruher Schmerz. Ich hebe den Kopf hoher. Wenn der Kopf nur lose auf dem Rumpf sitzt? Gar keine Verbindung zu ihm hat? "Weiter, sagt er, weiter." Mein Mund ist trocken. "Weiter!" Nein. Ich setze den Kopf wieder auf den plumpen Rumpf mit der weissen Hemdbrust daruber, in den Kragen.
Ungestume Bewegung ist im Rumpf erstarrt. Die Augen liegen verborgen unter der Stirn. Die Wange uberwuchert den geschlossenen Mund. Jetzt beugt er seinen Kopf zuruck. Der Rumpf, selbst unbeweglich, ein einziger Guss, ist der Bewegung fest verbunden. (Nicht weiter, will ich sagen.) Die Augen halt er sich zu, so von der Seite her, mit den Spitzen der Zeigefinger. Mehr ragt nicht aus der Hand heraus. Die Arme, abgewinkelt vom Rumpf, fallen. Er lachelt, grinst. Nein, das Grinsen erstarrt, bevor es die reissende Breite erreicht. Oder sehe ich es nur nicht, drucke meine Augen kurz zu? "Das sieht komisch aus", sagt er, "nicht wahr!"
Er tut ein paar Schritte, dreht sich, seine Arme flattern, sein Kopf hupft aus dem Kragen. "Nein", sagt er, zieht die Schultern hoch. Steht. Der Kopf, wieder im Kragen, sinkt auf die Brust. Wir laufen weiter.
"Sehen Sie", sagt er, "der plumpe Leib hemmt. Liefe ich schnell, tanzte, wirbelte - meine Arme rissen sich heraus, meine Beine verhedderten sich in sich. Der Koloss, einmal in Schwung geraten, ware nicht mehr aufzuhalten, risse alles mit sich, weg von der Erde. Da lage ich. Fliegen mit diesem Leib!" Er schuttelt den Kopf. "Ich kame uber Rissstellen in den Leisten, den Achselhohlen nicht hinaus. Und der Kopf, nicht mehr festgehalten vom Kragen, vom Schlips, schlangelte durch die Luft. Irr vor Freiheit, geblendet vom Licht, risse er sich los, entwurzelte sich, lebte irgendwo ohne die geringste Verbindung zum Rumpf ein eigenes, unkontrolliertes, zugelloses Leben. Bestenfalls schwebte er uber dem irdischen Klumpen. Um den Schein zu wahren? Wie lange? Vielleicht fiele er klacks! zu Boden; zu schwer geworden von den eigenen Wucherungen. Nein, zu klein geworden, kraftlos, schon vergessend, seine letzte Masse verschleudernd an letzte wilde, hohle Wucherungen, Luftschlangen, Feuerwerk, kristallklare, spiegelnde Luftschlosser; sich an ihnen ergotzend, sich selbst verzehrend, da abgetrennt vom Rumpf, ohne Nahrung. Und die Fusse, den Koloss tragend, ohne Augen, ohne Gesicht, zertraten ihn wie ein Schneckenhaus. Die Hande waren noch schlimmer dran. Aufgeblasen, mit immer mehr wuchernden Fingern, fielen sie, gefuhllos geworden, kalt, nicht sehend, nicht erkennend den eigenen Koloss an. Der tanzte, gleichsam nicht sehend, wie ein Tanzbar im Kreise herum. Die Fusse konnten nicht fliehen, der Koloss lastet auf ihnen. Naturlich konnten sie. Sie konnten sich verheddern und so den Koloss sturzen oder ganz schnell laufen, so dass der Koloss nicht mitkame und auf den Rucken fiele. Dann konnten sie sich losreissen ? Fusse brauchen immer einen Grund zum Laufen. Ein eigenes Leben! Das ware es naturlich nicht. Nur scheinbar. Die Ideen, Traume, Wunsche stammen ja aus der Zeit des Zusammenseins. Dann, erkaltend, ohne eigene Kraft, da hohl, fielen Berge von Luftschlangen, geschrullte Ballons, Feuerwerksasche vom Himmel. Die Wande der Luftschlosser, dieser heissen Luftstapelungen, dann ohne Hitze, sturzten uber dem Koloss ein. Fliegen ist nur Fliegen im Augenblick des sich Losreissens. Dieses Teilfliegen ware nur Teilflucht.
"Mein Kopf sitzt im Kragen. Das Kinn liegt beinahe auf der Brust mit der weissen Hemdbrust daruber. Das Wangenfleisch uberwuchert den geschlossenen Mund. Die Augen liegen im Schatten der Stirn. Ich schaue meistens auf den Boden, betrachte die Welt so von unten her. Hebe ich den Kopf, geht der Rumpf mit. Mit Muhe halte ich die Augen geoffnet. Die schweren Lider! Schliesse die Augen. Halte sie zu. Das helle Licht blendet, spiegelt Bewegungen tausendfach wider, bricht sie. Bewegungen, Teile davon rasen auf mich zu, lassen mich taumeln, verzerren, zerren, drehen... Strudel... zerreissen uber mir... mich..." Er wischt sich die geschlossenen Augen. "Auch die Leere der heissen, staubigen Strasse tausendfach widergespiegelt, gebrochen, erdruckte, erschluge, zerfetzte mich. Diese Mauern... Staub... Diese Laute... Nicht zerreissen. Nur nicht zerreissen."
Er presst die Lippen aufeinander, die Arme an seinen unformigen, die Bewegung zerknautschenden Rumpf, schliesst die Augen. Lasst die Arme hangen, eine Hand halt sich fest am Revers. Klange kommen aus ihm. Seine Lippen fallen auseinander. "Ich spinne eine zweite Umgebung um mich herum, die gekannte, tausendfach widergespiegelt, gebrochen, ubereinandergestapelt, verdichtet: auf dass sie mich zusammenhalte. Die andere ist so weit weg, lasst mich taumeln, ist so nahe, erdruckt mich. So zu mir herangezogen, auf Abstand gehalten, trage ich sie mit mir herum. Oder sie mich? Alles in allem ein bizarres Gebilde. Ich klage vor den Mauern, meinen Mauern: 'Gebt mich frei! Warum gebt ihr mich nicht frei?' 'Du bist verastelt in uns, und wir in dir. Astchen, Kapilare zum Mutterkuchen verwirrt, Blaschen... Deine Haut besteht aus lauter Blaschen. Das blosse Auge kann nicht sehen, was zu wem gehort. Auch deine Klagen verasteln sich. Du musst dich losen.'"
Weit offnet er seinen Mund, singt, wiegt den plumpen Leib auf seinen Knien. Bewegung, Gesang und Gestalt sind eins. Sinkt in sich zusammen, wiegt sich in die Strasse hinein, schlaft ein. Vergessen. Ein Klumpen, ein Knauel im Strassenstaub. Ein Spielball fur streunende Hunde und Katzen, bereit fur den Fusstritt von Kindern, von Erwachsenen, zerfallend, aufgehend im blendenden Staub. Irre! denke ich, zucke mit den Achseln, laufe schon weiter. Laufe wieder zuruck. Ein wirres Knauel, liegt er da. Ich lege mein Ohr auf das Knauel. Es ist nichts als ein Ahnen. Ich betaste das Knauel, schuttle es. Nehme es an mich. Ich will es mit nach Hause nehmen. Unterwegs zerfallen die Gespinnste zu Staub. Ich zerreibe sie zwischen meinen Fingern. Die Klange werden lauter, eindringlicher. Das letzte Sandkorn knete ich heftig zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich will es spuren, will spuren, dass es noch da ist.(*)
"Der Mensch stirbt nur in der Perspektive irgendeiner Vorstellung, aber fur andere, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, lebt er weiter", sagt Schulz.
An welcher Wand zerschellen wir, welche Wand bricht unsere heissen, alles mitreissenden Gefuhle? Immer wieder stehe ich in Trummern, meinen Trummern. In Totenstadten. Immer wieder muss ich mich aufraffen, meine Bruchteile zusammenraffen, aufstehen. Ich ziehe weiter in andere Stadte - wir, wollte ich sagen ? wie die anderen das erfahren, kann ich nicht beurteilen.
(*) aus eigenen Texten